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Über den Berg

Anders als unsere meisten Reiseblogs sind dies nicht die Erlebnisse einer einzigen Tour, sondern sozusagen ein Cuvée aus verschiedenen Besuchen in einem oft durchquerten aber trotzdem weitgehend unbekannten Gebiet Südafrikas.

Die Region Overberg liegt zwischen den wohl wichtigsten touristischen Höhepunkten des Landes: dem Kap und der Garden Route. Wie der Name schon sagt, erreicht man sie, wenn man von Kapstadt aus „über den Berg“ fährt (gemeint ist der Sir Lowry’s Pass auf der N2 in den Hottentots Holland Mountains zwischen Somerset West und Grabouw). Obwohl bestimmt 80% aller Touristen dieses Gebiet durchfahren, macht kaum jemand hier Station. Am ehesten wohl noch in Hermanus, wegen der Wale. Dabei hat der Distrikt Overberg noch viel mehr zu bieten: einmalige Strände und Küstenorte, aufstrebenden Weinanbau, endlose Obstplantagen und Weizenfelder, reizvolle Berglandschaften und Naturschutzgebiete sowie viele kleine Städte, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Startet man von Kapstadt aus in Richtung Garden Route, bietet sich die schnelle Verbindung über die N2 an. Viel interessanter ist allerdings die Strecke „um den Berg herum“, nämlich auf der wunderschönen Küstenstraße R44 von Gordons Bay nach Kleinmond. Die Strecke steht dem berühmten Chapmans Peak Drive in nichts nach und ist dabei deutlich weniger befahren. An klaren Tagen kann man über die gesamte False Bay bis zum Cape Point schauen.

Erste Station entlang der R44 ist Betty’s Bay. Der kleine Ort scheint überwiegend aus Ferienhäusern für ruhesuchende Capetonians zu bestehen. Die Harold Porter National Botanical Gardens und das Kogelberg Biosphere Reserve sind für Liebhaber der typisch kap’schen Fynbos-Vegetation der Höhepunkt schlechthin. Markierte Wanderwege führen durch die einmalige Natur. Am Stony Point hat sich eine Kolonie von Brillenpinguinen angesiedelt, die auf entlang der Felsen befestigten Wegen bestaunt werden können. Anders als am berühmten Boulders Beach in Simons Town hat man die kleinen Frackträger hier meist für sich alleine.

Weiter geht es auf der R44 nach Kleinmond, ebenfalls ein beliebter Ferienort für die Einheimischen und deutlich belebter als Betty’s Bay. Sportliche Aktivitäten stehen hier im Vordergrund. Kleinmond hat einen Blue Flag Beach (eine Auszeichnung für besonders saubere Strände), sodass Wassersportfetischisten hier voll auf ihre Kosten kommen. Aber auch Mountainbiking, Hiking, Horse Riding und vieles mehr wird hier angeboten, sogar einen 18-Loch Golfplatz gibt es. Der Ort selbst bietet eine Vielzahl an Cafes, Boutiquen und Galerien zum Bummeln und Verweilen.

Wechselt man auf die R43, erreicht man nach einigen Kilometern Hermanus, die Walhauptstadt des Landes an der Walker Bay. Von Juni bis November lassen sich an der gesamten südafrikanischen Küste Walbeobachtungen machen. Die kleine Bucht von Hermanus scheint aber eine ganz besondere Anziehungskraft auf die riesigen Meeressäuger auszuüben, denn nicht selten tummeln sich hier Wale im zwei- bis dreistelligen Bereich. Teilweise kommen sie sogar direkt bis an die felsige Küste, was einmalige Fotos sogar von Land ermöglicht. Natürlich gibt es vom kleinen Hafen aus auch Bootstouren hinaus auf’s Meer, um den Southern Right Whales noch näher zu kommen.

Hermanus ist mittlerweile zu einer beträchtlichen Kleinstadt angewachsen, mit unzähligen Hotels, Gästehäusern, Restaurants, Shopping-Centern und vielem mehr. Für Wanderer und Naturliebhaber empfiehlt sich ein Besuch im Fernkloof Nature Reserve. Strand- und Badeliebhaber zieht es zum Voelklip oder Grotto Beach. Für Surfer ist der Onrus Beach ideal.

Folgt man der R43 weiter entlang der Lagune des Kleinrivers, erreicht man Gansbaai am Danger Point, einer felsigen Landzunge, die das Ende der Walker Bay markiert. Das Danger Point Lighthouse und das Strandveld Museum geben Einblicke in die bewegte Geschichte der Umgebung. Die überwiegende Mehrzahl der Besucher kommt aber wegen „Big Five Nummer sechs“: dem Weissen Hai. Käfigtauchen für die ganz Mutigen steht hier auf dem Programm.

Hinter Gansbaai wird die Küste immer einsamer, irgendwann hören auch die geteerten Straßen auf. Es geht weiter über (gut befahrbare) Gravel Roads vorbei an endlosen Farmen. Die Overberg-Region ist das Herz der südafrikanischen Weizenproduktion, aber auch Schafs- und Rinderfarmen finden sich hier. Neuerdings gibt es auch immer mehr Weinanbau, der im Vergleich zu seinen berühmten Vorbildern in Constantia und Stellenbosch in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt hat. Auch hier kann man mittlerweile einige respektable Tropfen genießen.

Das landwirtschaftliche Zentrum des Distriktes Overberg ist Bredasdorp, wo sich die verkehrstechnischen Hauptschlagadern R316, R317 und R319 treffen. Die Kleinstadt bietet ein tolles Schiffswrackmuseum sowie eine Kerzen- und eine Keramikfabrik. Außerdem kann man sich in den zahlreichen Shopping-Centern mit Proviant eindecken, bevor es weiter an die wenig erschlossene Küste von Agulhas geht.

Das Cape Agulhas ist der südlichste Punkt Afrikas. Der schmucke Leuchtturm und die Steintafel, an der der Indische und Atlantische Ozean „zusammentreffen“, sind beliebte Fotomotive. Wer nur auf der N2 von Kapstadt zur Garden Route unterwegs ist, muss sich gut überlegen, einen Mehrweg von 200km in Kauf zu nehmen, nur um mal hier gewesen zu sein. Wer aber in der Nähe ist, sollte den Abstecher ruhig wagen. L’Agulhas und Struisbaai sind verschlafene Ferienorte, die aber schöne Strände und gute Angelmöglichkeiten bieten.

Nur ein paar Kilometer weiter erreicht man zwei der absoluten Höhepunkte der Umgebung, das De Mond Nature Reserve und den kleinen Fischerort Arniston. De Mond liegt an einer kleinen unbefestigten Straße zwischen der R316 und R319. Das nur etwa 1000ha große Naturschutzgebiet an der Mündung des Heuningnes River bildet auf kleinem Raum alles ab, was dieser wunderschöne Küstenabschnitt zu bieten hat. Kurze Wanderwege führen durch die einmalige Natur bis zur Küste und wieder zurück. Unterwegs kann man auf kleine Antilopenarten treffen und gute Vogelbeobachtungen machen. Picknickplätze laden zum Verweilen ein. Der Proviant muss aber selber mitgebracht werden, es gibt im Reservat kein Restaurant und keinen Shop.

Arniston gehört zu den schönsten Orten des gesamten Overbergs. Der Ort ist geteilt: Auf der einen Seite liegt das über 200 Jahre alte traditionelle Fischerdorf Kassiesbaai, auf der anderen Seite finden sich hauptsächlich Ferienhäuser reicher Südafrikaner. Aber (fast) alle Häuser haben eines gemeinsam: Sie sind weiß gestrichen und mit Reet gedeckt. Am kleinen Hafen treffen die beiden Welten aufeinander. Das Arniston Hotel, das einzige Hotel am Platz, markiert das Ende der „Feriensiedlung“. Am Ende des Hafens beginnt das Dorf der lokalen Einwohner, überwiegend Coloureds, deren Leben sich immer noch hauptsächlich um den Fischfang dreht. So ist es nicht verwunderlich, dass das Restaurant des Arniston Hotels den wohl besten und frischesten Fisch der Region auf den Tisch bringt.

Aber Arniston hat noch zwei weitere Asse im Ärmel: Die schneeweißen Strände, die an sonnigen Tagen den Indischen Ozean in den schönsten Blau- und Grüntönen erstrahlen lassen, sowie die riesige Höhle Waenhuiskrans, die nur bei Ebbe erreichbar ist. Im Sommer ist Arniston ein Badeparadies, im Winter hat man von den endlosen schneeweißen Dünen perfekte Walbeobachtungsmöglichkeiten.

Über die R316 geht es zurück nach Bredasdorp und von dort aus über unbefestigte Straßen durch scheinbar endloses Farmland zum größten Naturschutzgebiet der Region. Das De Hoop Nature Reserve zwischen Arniston und Witsand gehört zu den schönsten im Western Cape. Das 50.000ha große Reservat liegt an einer besonders reizvollen Küste mit riesigen weißen Sanddünen und stillen, von Klippen umrahmten Badebuchten. Spazierwege führen durch die Fynbos-Vegetation und um das Marschland. Der Park ist sehr wildreich und kann man hier Bergzebras und eine ganze Reihe von Antilopenarten beobachten, darunter den Buntbock, Eland-Antilopen und Kudus. In der Walsaison von Juni bis November hat man hier ausgezeichnete Walbeobachtungsmöglichkeiten. Es gibt atemberaubend schön gelegene Picknickplätze. Im Park gibt es kein Restaurant und keinen Shop, daher muss auch hier aller Proviant mitgebracht werden. Für Übernachtungsgäste stehen eine Handvoll Selbstverpfleger-Bungalows zur Verfügung, die aber früh im voraus gebucht werden müssen.

Weiter geht es über unbefestigte Straßen zu einem Kuriosum sondergleichen. Bei Malgas gibt es über den mächtigen Breede River den letzten verbliebenen von Menschenhand gezogenen Schwimmponton des Landes. Bis zu drei Autos passen auf den Ponton, der dann mittels eines langen Stahlseils von Hand zum anderen Ufer gezogen wird. Das muss man erlebt haben, um es zu glauben. Dies ist übrigens die einzige Möglichkeit, den Breede River zu überqueren, wenn man von der 50km entfernten N2 absieht.

Folgt man dem Breede River flußabwärts, erreicht man die Ferienorte Port Beaufort und Witsand. Der Fluß hat hier eine große Lagune zum offenen Meer gebildet, ideal zum Baden für Familien mit kleinen Kindern, aber auch für Angler und Wassersportler. Die Strände sind aber nicht mehr so schön weiss wie im De Hoop oder in Arniston, auch die Bebauung ist optisch deutlich weniger ansprechend. Dafür gibt es mehr Unterkünfte, Restaurants, Cafes und Shops.

Über die R324 geht es auf direktem Wege zur N2. Folgt man dann der Straße noch weiter, erreicht man über den landschaftlich einmaligen Tradouws Pass die Kleine Karoo Halbwüste mit seiner berühmten Route 62. Folgt man aber der N2 zurück in Richtung Kapstadt, kommt man nach wenigen Kilometern nach Swellendam, der drittältesten Stadt Südafrikas. Die Vielzahl an historischen Gebäuden und das bekannte Drosdy Museum laden zu einem Streifzug durch die südafrikanische Geschichte ein. Ganz in der Nähe liegen das Marloth Nature Reserve und der Bontebok National Park. Letzterer ist berühmt für seinen Schutz der seltenen Buntböcke und Bergzebras.

Weiter auf der N2 in Richtung Kapstadt zweigt kurz hinter Riviersonderend die R406 in Richtung Greyton und Genadendal ab. Die beiden Städtchen könnten unterschiedlicher nicht sein. Greyton ist ein Paradies für Künstler und Aussteiger aus dem Großraum Kapstadt. Es gibt unzählige kleine Galerien und Boutiquen, aber auch erstklassige Restaurants und Cafes. Viele lokal hergestellte Leckereien können hier erworben und verzehrt werden. Das Greyton Nature Reserve lädt zu Wanderungen ein. In Genadendal scheint die Zeit dagegen stehengeblieben zu sein. Mittelpunkt des über 300 Jahre alten Städtchens ist ein Museumskomplex, der aus 25 einzelnen Museen besteht. Sowohl Greyton als auch Genadendal haben allerdings eines gemeinsam: viel Ruhe und Gelassenheit.

Der R406 weiter folgend erreicht man wieder die N2 in Richtung Caledon. Dort haben sich die heißen Quellen von Klein Swartberg sowie der Wild Flower Park mit über 100 verschiedenen Protea-Arten einen Namen gemacht. Flyfishing, Mountainbiking, Hiking, Abseiling und vieles mehr sind in der näheren Umgebung möglich.

Auf der N2 geht es weiter in Richtung Kapstadt über den Houhoek Pass nach Grabouw im Elgin-Tal. Es wird gesagt, dass hier das schönste Farmgebiet des ganzen Landes liegt. Pittoreske Bergzüge wechseln sich ab mit sanfter Fynbos-Vegetation. Das Tal ins ungemein fruchtbar, sodass hier die besten Äpfel und Birnen der Umgebung wachsen. Aber auch Wein wird hier im großen Stil angebaut.

Nach nur wenigen Kilometern erreicht man wieder den Sir Lowry’s Pass. „Über den Berg“ geht es zurück in die Kapregion. Der Overberg-Distrikt ist immer noch so etwas wie ein Geheimtipp, selbst unter Südafrikanern. Viel zu schade, um einfach nur durchzufahren. Wenn man den Overberg mit all seinen Facetten entdeckt, entschleunigt das doch enorm.

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